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Ein Jahr Thomas Doll

Auf den Tag genau ein Jahr ist es heute her, dass Thomas Doll das Amt des Cheftrainers bei Borussia Dortmund übernahm. Eigentlich Zeit Bilanz zu ziehen. Doch in Dortmund tut man sich schwer damit. Möglicherweise deswegen, weil man sich nicht eingestehen will, dass man in der Trainerfrage ein weiteres Mal zu scheitern droht.

Blicken wir zurück: als Thomas Doll die Schwarzgelben im März 2007 übernahm, herrschte höchste Alarmstufe an der Strobelallee. Gerade erst hatte der BVB 0-2 beim Reviernachbarn aus Bochum verloren und Hans-Joachim Watzke zog ein weiteres Mal die Notbremse. Tabellenplatz 13 mit 28 Punkten war Anlass genug Jürgen Röber zu feuern. Thomas Doll schließlich, erst kurz zuvor beim HSV geschasst, sollte das schlingernde Schiff Borussia wieder auf Kurs bringen. Tatsächlich gelang es Doll den BVB zu retten und am Saisonende auf Tabellenplatz neun zu führen. Als am vorletzten Spieltag auch noch der blaue Rivale aus dem Gelsenkirchener Vorort geschlagen wurde, herrschte wieder eitel Sonnenschein in Dortmund. Mit Euphorie und neuen Spielern ging es die die neue Spielzeit.

Doch schon bald musste der geneigte BVB-Fan erkennen, dass die zarte Hoffnung auf eine bessere Saison wieder einmal nicht erfüllt wurde. Zu unkonstant zeigte sich die Truppe. Siege und Niederlagen hielten sich die Waage, auf gute Leistungen folgten erschreckende Darbietungen. Wer auf eine Weiterentwicklung der Mannschaft gehofft hatte, sah sich getäuscht. Weder kämpferisch noch taktisch waren im Verlauf der Vorrunde deutliche Fortschritte festzustellen.

Die Verantwortlichen des BVB indes hatten die Ursachen der sportlichen Stagnation schon bald ausgemacht: die langwierigen Verletzungen der Leistungsträger Kehl und Frei, sowie die ständige Unruhe im Umfeld, die kein zielführendes Arbeiten mit der Mannschaft ermöglichte, wurden flugs als Gründe für das erneut schwache Abschneiden in der Vorrunde vorgeschoben.

Nach der Winterpause sollte nun endlich alles anders werden. Die verletzten Leistungsträger kehrten zurück, das Umfeld schien, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auch beruhigt. Der Angriff auf höhere Tabellenregionen konnte gestartet und der von Doll angekündigte attraktive Offensivfußball endlich umgesetzt werden.

Nun, da weitere sechs Bundesligaspiele ins Land gegangen sind stellt der BVB-Fan jedoch enttäuscht fest: es hat sich wieder nichts geändert. Im Gegenteil! Die Mannschaft spielt zumeist uninspirierten, von Fehlern strotzenden Hau-Ruck-Fußball und die Punkt- und Torausbeute unterscheidet sich nur marginal von den Ergebnissen der Vorrunde.

Nur zur Verdeutlichung: in der Hinserie musste der BVB in den ersten sechs Partien gegen Duisburg, Gelsenkirchen, Rostock, Cottbus, Bremen und Hertha genau zehn Gegentore hinnehmen. In der Rückrunde sind es gegen die gleichen Gegner weitere neun. Offensiv erzielte Borussia gegen eben jene Teams mit je elf Toren in Hin- und Rückserie ein identisches Ergebnis. Die Punktausbeute schließlich belief sich in der Hinrunde auf neun, in der Rückserie auf acht Punkte. Besser kann man die totale Stagnation bei Borussia wohl kaum dokumentieren.

Und der Trainer? Thomas Doll behauptet standhaft, dass sich die Mannschaft entwickelt, dass das Team kompakter stehe und man sich stabilisiert habe. So wird er in einem Interview vor dem anstehenden Spiel in Hamburg auf der Homepage des HSV folgendermaßen zitiert: „Wir haben uns stabilisiert, sind kontinuierlich sicherer geworden.“ Wie Doll zu dieser Erkenntnis kommt, bleibt für regelmäßige Beobachter des BVB hingegen schleierhaft. Genauso wie die Feststellung des BVB-Coaches, dass man „einen ordentlichen Ball nach vorne spielt“.  Wer die Auftritte der Doll-Truppe in Cottbus, gegen Rostock und Berlin oder auch die zweite Spielhälfte in Bremen verfolgt hat (vom verlorenen Derby und der ersten Halbzeit in Duisburg ganz zu schweigen), der kann nur zu der Erkenntnis kommen, dass hier jemand eifrig versucht, Sand in die Augen enttäuschter Fans zu streuen.

Aber was will man auch von einem Trainer erwarten, der binnen eines Jahres gleich drei Mal den Versuch unternimmt herauszufinden, auf wen er künftig beim BVB bauen kann. Kurz nach seinem Amtsantritt verkündete Doll dass man nun „genau hinschauen werde, auf wen sich der Verein verlassen kann.“ Knappe neun Monate später, nachdem man zum Abschluss der Vorrunde sang- und klanglos in 0-4 in Wolfsburg untergegangen war, bekannte er: „Ich habe gesehen, auf wen ich mich verlassen kann. Und als man am vergangenen Freitag daheim gegen Berlin erneut enttäuschte, kommentierte der 47-malige Nationalspieler den angesetzten Laktat-Test mit den Worten: „Ich muss wissen, auf wen ich mich verlassen kann." Bleibt nur zu hoffen, dass Thomas Doll nach nun einem Jahr endlich erkannt hat, mit welchen seiner Spieler er denn jetzt tatsächlich künftig "vertrauensvoll" zusammenarbeiten kann.

Wenn man beim BVB ehrlich mit sich selbst ist, dann muss man zugeben, dass einzig die überraschenden Erfolge im DFB-Pokal und die Hoffnung auf den Einzug ins Finale verhindert haben, dass Thomas Doll und seine Arbeit ernsthafter wie engagierter von Fans und Medien hinterfragt und kritisiert wird. Und tatsächlich muss man „Dolly“ hoch anrechnen, dass er (und die Prämie) die Mannschaft in den entscheidenden K.O.-Spielen des DFB-Pokals immer wieder zu einer Leistung gekriegt hat, die ein Weiterkommen möglich machte. Doch von System, von Taktik und Spielkultur war auch in den Pokalauftritten der Borussia nur wenig zu sehen. Kampf, Leidenschaft und hier und da ein wenig individuelle Klasse waren letztlich entscheidend dafür, dass der BVB erstmals seit 19 Jahren wieder in einem Halbfinale des DFB-Vereins-Pokals steht. Und sollten die Schwarzgelben das Pokalfinale tatsächlich durch einen Sieg über Jena erreichen, wird dieser Fakt von den Verantwortlichen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl im nächsten Jahr als "Qualitätsnachweis" für die Arbeit von Thomas Doll herangezogen werden. Möglicherweise wider besseren Wissens oder entgegen jeglicher Ergebnisse in der Bundesliga.

Fakt ist: Trainer Doll hat es binnen eines Jahres nicht geschafft seiner Mannschaft ein Gesicht zu verpassen. Taktik und Struktur, kleine Fortschritte und Verbesserungen sind kaum auszumachen. Dass sich dieses in absehbarer Zeit ändert, darf zumindest bezweifelt werden. In der heutigen Pressekonferenz betonte der BVB-Coach mehrfach, dass er für das Hamburg-Spiel fordert, dass „wir zeigen, dass wir uns weiter entwickeln und dass wir besseren Fußball spielen können.“ Bleibt die Frage wer die Doll-Truppe im bisherigen Saison-Verlauf daran gehindert hat?

Sascha Mimberg, 13.03.2008

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