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"Ich war nie ein Filigrantechniker" (1)

Stets gut gelaunt: Nobby in seinen Räumen bei GOFUS in der Süd-Ostecke im Westfalenstadion

Stets gut gelaunt: Nobby in seinen Räumen bei GOFUS in der Süd-Ostecke im Westfalenstadion

Keine Frage, Norbert Dickel ist eine Dortmunder Ikone. Er war es, der die Borussia 1989 fast im Alleingang zum DFB-Pokalsieg schoss, trotz einer nicht auskurierten, schweren Knieverletzung. Die Fans haben das nicht vergessen und nennen ihn liebevoll "Held von Berlin." Als Spieler hat "Nobby" noch nie lange gefackelt. In nur 90 Bundesligaspielen zwischen 1986 und 1990 erzielte er immerhin 40 Tore. Ein sensationeller Schnitt, dem leider sein malträtiertes Knie einen Strich durch die Rechnung machte und ihn schließlich zwang, nach nur noch 6 Einsätzen in der Saison 1989/90 Sportinvalide zu werden.

Norbert, stimmt das eigentlich, dass Du damals im Frühjahr ’86 eigentlich auf dem Weg von Köln zu Vertragsgesprächen nach Gelsenkirchen warst, als Gerd Niebaum anrief und Dich bat, in seine Kanzlei zu kommen, um das Dortmunder Angebot zu hören?

Nee, das ist nicht wahr. Nein, nach Gelsenkirchen zu gehen, da hab ich nicht mal auch nur ansatzweise Kontakt zu gehabt. Ich glaube, das wäre auch damals für mich gar nicht gegangen. Die Kölner, damals Michael Meier, setzten mir die Pistole auf die Brust und sagten, bis um 11 Uhr musst Du unterschreiben, sonst verlängern wir den Vertrag nicht. Das Angebot, was auf dem Tisch lag, war unwesentlich besser, als das, was ich hatte. Damals gab es als Fußballprofi beim 1.FC Köln 4500 Mark und jetzt sollte ich wegen einiger erzielter Tore dann 6000 Mark kriegen. Ich bin dann da nicht hingefahren, weil ich das allein schon zeitlich gar nicht schaffen konnte und hab mir das Angebot in Dortmund angehört.

Anschließend soll Dir der damalige Nationaltorhüter Toni Schumacher geraten haben, zum BVB zu wechseln?

Dazu muss ich sagen, ich war ja eher ein Handwerker als ein Filigrantechniker und wir haben ja immer montags Torwattraining gemacht. Und dann fragte der Rolf Herings (Kölner Torwarttrainerlegende/Die Red) immer, wer das machen will. Und dann hab ich gesagt, als Stürmer mach ich das. Und dadurch hab ich zum Toni Schumacher eine ganz gute Verbindung gehabt. Er hat dann gesagt, das weiß ich noch, das ist ein guter Verein, da passt Du auch gut hin als Siegerländer. Ursächlich verantwortlich war Dr. Rauball. Der hatte immer einen guten Draht zu meinem Berater. Der sagte, Du musst jetzt in die Kanzlei Dr. Niebaum kommen und dann gucken wir mal. Und dann macht man ja das übliche Geplänkel und sagt: ich muss mir da jetzt noch Gedanken machen. Ich hab dann nicht lange gebraucht und zwei Stunden später schon hier angerufen und gesagt, ich mach das natürlich und komme! Was sollte ich da noch lange drum herum reden? Und so bin ich dann zum BVB gekommen.

Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Bundesligator im schwarzgelben Dress?

Das weißt Du bestimmt besser als ich. Wenn Du mir jetzt den Gegner nennst, kann ich Dir vielleicht das Tor beschreiben…

Es war der 6. September 1986, Auswärtsspiel in der Grotenburg gegen Bayer Uerdingen. Du kamst in der 75. Minute für Daniel Simmes aufs Feld und hast bereits 8 Minuten später mit Deiner 3:2-Führung den BVB auf die Siegerstraße gebracht.

Stimmt, wir haben da 4:2 gewonnen. Da hat der Frank Mill sogar drei Tore gemacht und ich eins.

Uerdingen war ja kein Papiertiger zu der Zeit. Immerhin standen mit den Nationalspielern Matthias Herget und Stefan Kuntz, beiden Funkel-Brüdern, Marcel Witeczek und Ex-Borusse Atli Edvaldsson durchaus klingende Namen aus dem Rasen.

Ja, die hatten keine schlechte Mannschaft damals, das stimmt.

An Deinen Durchbruch nur 20 Tage später kann ich mich noch recht gut erinnern. Es war eines dieser Spiele, die man als Borusse nie vergisst. Blau-Weiss 90 Berlin war zu Gast und wurde in einem Torfestival mit 7:0 aus dem Stadion gefegt. Wieder brachte Dich Trainer Reinhard Saftig gegen Ende in die Partie und nur 4 bzw. 7 Minuten später feierte die Süd dann Deinen Doppelschlag.



Ich weiß es noch genau, das letzte Tor war unglaublich, da grätschten die alle quer rein ins Leere und ein Verteidiger von Blau-Weiß – ich glaub das war ein Holländer (er meinte den Belgier René Vandereycken, es war aber Bernd Gerber/Die Red.), der wollte klären und spielte aus einem Gedrängel von etwa 8 Leuten den Ball an Freund und Feind vorbei rüber zu mir. Ich stand da mutterseelenallein und konnte den dann ins leere Tor knallen.

Am Ende dieser ersten Saison feierte dann der Boulevard das Traumduo „Rocky & Zocky“, wobei Du mit 20 und Fränky Mill mit 17 erzielten Toren den Weg in den Uefa-Cup bereiteten, was den BVB aus einem 20 Jahre währenden Dornröschenschlaf wachküsste…

Mit einem unglaublichen Spiel in Frankfurt am Ende. Wir siegten dort 4:0 und waren quasi von Null auf Hundert durchgestartet. Die ganze Stadt flippte aus und dabei waren wir nur mit dem 4. Platz in den Uefa-Cup gekommen.

Murdo McLeod kam von Celtic und wir mussten ausgerechnet gegen Glasgow in der 1. Runde im Europacup antreten…

Das war doch geil, oder? Damals wurde immer gesagt: hier ist "Cuptime" in Dortmund. Und das war ja auch was anderes, auch von der Stimmung her. Da erinnere ich mich gerne dran, denn das ist natürlich auch für mich einfach. Da haben wir 2:0 gewonnen und ich habe zwei Tore geschossen. Das erste Tor war ein Kopfball nach Ecke von Zorc und das zweite dann durch die Beine mit Außenrist geschnibbelt, weil ich ihn nicht getroffen habe... Ich vergesse das nie. Als ich das Tor gemacht habe, stand da der Murdo neben mir und hatte den Arm so um mich gelegt, dass ich im Schwitzkasten war und streckte immer wieder die Faust in den Himmel Richtung Südtribüne. Das war ganz geil. Da krieg ich jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich da dran denke!

Ja, zwei Jahre später folgte dann 1989 in Berlin mit dem Pokalsieg wohl die Krönung einer gewachsenen Mannschaft. Du hattest bis zum Finale 6 Wochen pausiert und nur 2 Trainingseinheiten absolviert. Es wurde viel spekuliert darüber, warum Horst Köppel Dich am Ende doch in der ersten Elf aufbot, denn immerhin konntest Du ja nicht mal ohne Schmerzen laufen…

Das stimmt sogar. Gut, da waren mehrere beteiligt. Das waren im Prinzip damals Klaus Gerster, Gerd Niebaum und Zorci auch. Da ging´s letztendlich um die Frage, wie wollen wir denn spielen? Köppel tendierte zwischen Bernd Storck oder mir. Dr. Niebaum hat immer gesagt, wenn wir uns gegen Bremen hinten rein stellen, schaffen wir das nicht, wir müssen auch nach vorne spielen und unsere Chance suchen. Er sagte, lasst uns mit einem zweiten Stürmer spielen und nach vorne spielen, sonst hauen die uns die Bude voll. Und der Horst sagte immer, hah, der Bernd ist gut drauf… aber er wurde dann doch noch einsichtig. So ist das dann gekommen.

Es ist viel ist geschrieben worden darüber, aber schildere doch bitte mal den Ablauf Deiner beiden Tore aus Sicht des Schützens.

Das erste Tor war… der Frank erkämpfte sich den Ball an der Mittellinie, er war ja superschnell, dann ging der so leicht an seinem Gegenspieler vorbei und merkte, dass er sich den Ball meiner Ansicht nach sogar fast ein bisschen zu weit vorgelegt hatte. Und dann spielte er den mit links in die Mitte und der Rune Bratseth machte dann einen Schrittfehler, denn normalerweise hätte der aus seiner Position viel eher an den Ball kommen müssen. Und dadurch, dass der Fehler ihm unterlaufen ist, war ich alleine vorm Tor und hab den rein gemacht. Und beim zweiten Tor fing´s an mit dem Fallrückzieher von Thomas Helmer in der eigenen Hälfte zu Andy Möller, der spielte Frank Mill an und der lief auf Reck zu. Da hätte er den schon machen müssen, aber Reck kriegte da noch ein Bein dran. Der Ball kommt aber wieder zurück zu Frank und der will mit links von der rechten Seite reindrehen, fällt fast noch um beim Flanken und dann hab ich einfach nur noch Vollspann draufgehalten! Und der war drin!

Gleich schlägt der Ball zum 3:1 ein...

Gleich schlägt der Ball zum 3:1 ein...

Ich hab mal irgendwo gelesen, dass Du Angst hattest, den mit der Innenseite zu nehmen wegen der Schmerzen…


Ich konnte den gar nicht mit der Innenseite nehmen, weil das so weh tat. Aber ein Spannstoß der ging. Ich dachte nur, wenn Du den innen nimmst, bricht Dir das Knie durch. Und als der drin war, hab ich gar nichts mehr gemerkt. Da war dann auch das Knie wieder in Ordnung… (lacht)

Du sollst ja über Deinen damaligen Stürmerkollegen Frank Mill mal gesagt haben, er sei "mit allen Abwassern gewaschen.“ Wie wichtig war einer wie er für Dein Spiel?

Ja, das hab ich mal gesagt. Das war jetzt keine Beleidigung, sondern galt seiner Schlitzohrigkeit. Wir erinnern uns doch alle noch an das Spiel, wo der Torwart den Ball in der Hand hält (Ralf Raps von Hannover 96/Die Red), er kommt von der Seite, nickt ihm den Ball aus dem Arm und schiebt ein. Also, ich war eher jemand, der da stand und den letzten Fuß hingehalten hat. Frank war einfach technisch sehr beschlagen, sehr, sehr schnell, der ging auf die Flügel und haute die rein. Der wusste als Stürmer natürlich auch, wo ein Stürmer zu stehen hatte. Da hat das natürlich auch gut funktioniert. Wir haben uns ja privat nie wirklich super verstanden, aber auf dem Platz hat das fast blind funktioniert.

Am 15. Dezember 1989 hast Du dann Dein letztes Spiel als Profifußballer absolviert, freilich nicht ohne noch einmal in der 90. Minute das 1:1 zum Punktgewinn in Düsseldorf zu erzielen.

Dies Tor war, glaub ich, auch nur für die Statistik da. Das war dann im 90. Spiel mein 40. Tor in der 90. Minute.

Irgendwie symptomatisch, denn in dieser Stadt hast Du damals ja bei Bernd Restle mehr Zeit verbracht als hier in Dortmund. Am Ende hattest Du den Kampf gegen Deinen Körper verloren…

Ich wollt's nicht wahrhaben...

Ich wollt's nicht wahrhaben...

Ja, ich hatte ein Jahr eine Langzeittherapie gemacht und bin da jeden Tag nach Düsseldorf gefahren. Und ich hab wirklich jeden Tag geglaubt, morgen wird’s besser. Und irgendwann, nach 7 oder 8 Monaten, hat Bernd Restle zu mir gesagt, fahr mal nach München zu Dr. Müller–Wohlfahrt und lass das Knie untersuchen. Und der hat dann gesagt, Du bleibst jetzt noch mal 10 Tage hier und wir versuchen noch mal alles. Dann haben wir alle Register gezogen und Spritzenkuren gemacht. Er sagte, wir müssen mindestens eine Verbesserung sehen. Ich hatte dann keinen Meniskus mehr und der Knorpel war geglättet worden. Danach stand fest, dass es keinen Sinn mehr hatte. Der Satz: "Norbert, ich muss Dir leider sagen, dass Du nie wieder Fußball spielen kannst", war für mich das Schlimmste. Das war für mich eine Katastrophe. So richtig wahrhaben wollt ich das ja lange immer noch nicht… Mir hat Fußball immer riesig Spaß gemacht.

Im 2. Teil geht es um Nobby's Fultime Job beim BVB...

Holger W. Sitter, 11.01.2008
Helmut S. Otto (Fotos) 

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